12. Juli 2011

Zitieren aus dem Englischen



Zwei Studentinnen grübeln bei ihrer Abschlussarbeit über das Zitieren aus dem Englischen. "Wenn ich aus einem englischen Text wörtlich zitieren will und ins Deutsche übersetze, handelt es sich dann um ein wörtliches Zitat oder kann dies bei einer Übersetzung nie vorliegen?", fragt die eine. "Ich bin mir unsicher, wenn ich englische Quellen nutze. Dann muss ich übersetzte Textpassagen doch sicher trotzdem als Zitate sichtbar machen? Ist dann ein Verweis bei der Quellenangabe wichtig, dass es sich um eine Übersetzung handelt?"

Einen Übersetzungszwang gibt es nicht. Im Gegensatz zu anderen Sprachen sind englischsprachige Originalzitate heute gang und gäbe. Wer das Original zitiert, hat den Vorteil, dass bei einer Übersetzung kein falscher Dreh in die Quelle kommt, und dass markante Begriffe so bleiben, wie sie sind. Der Nachteil: Sprachlich ist das nicht immer schön. Und wer zu viel zitiert, produziert in seinen Absätzen ein holperiges Denglisch.

Übersetzen ist erlaubt. Eine wörtlich übersetzte Quelle darf als wörtliches Zitat (also mit Anführungsstrichen) verwendet werden. Manchmal ist es nicht ganz einfach wortgetreu zu übersetzen. Die Alternative ist indirekte Rede (ohne Anführungszeichen, mit Konjunktiv) oder Paraphrasieren - eigene Zusammenfassung in Anlehnung an das Original. 

Freies Übersetzen ist zwar akzeptabel, aber eine Gratwanderung; notwendig ist das vor allem, wenn im Original schwer zu übersetzende Idiome auftauchen. Auf der IdiomSite gibt es eine schöne Sammlung englischsprachiger Idiome - bei vielen ist klar, dass eine wörtliche deutsche Übersetzung nur Unfug gebiert. Aber Online-Dictionaries bieten oft Foren, auf denen mögliche Übersetzungen diskutiert werden.

Wer ganz sichergehen will, gibt die Originalversion in einer Fußnote dazu -- aber das sollte die Ausnahme sein.

Wer übersetzt, fügt dem Kurzbeleg oder der Fußnote einen Hinweis hinzu, z.B. "(eigene Übersetzung)". Wer im gesamten Text übersetzte Quellenzitate benutzt, kann zu Beginn der Arbeit einmal darauf hinweisen, das reicht.

Kommentare:

  1. Hallo!

    Vielen Dank für diesen schönen und nützlichen Artikel!

    Herzliche Grüße, Inna Stein!

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  2. Hallo Herr Prof. Althaus,

    wie verhällt es sich mit französischen Quellen? Gelten dort ähnliche Regeln?

    LG Lukas Zühlke

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    1. Ja, grundsätzlich. Allerdings würde ich hier mit dem Betreuer der Arbeit sprechen, ob Sie übersetzen sollten. Englisch ist immer OK, aber wenn der Betreuer nicht frankophon ist, gibts ein Problem. Eine Möglichkeit ist Übersetzung im Haupttext und Originalwortlaut in einer Fußnote.

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  3. Ich hab in meiner Hausarbeit, die ich auf Englisch verfasst habe, mehrmals ein deutsches Werk zitiert. Also ich habe die Sätze ungefähr sinngetreu übersetzt und dann immer confer Buch blablabla hingeschrieben. Also übersetzt und das deutsche Original angegeben. Antwort des Dozenten: Darf man nicht, das ist ein Plagiat, Note 5 und durchgefallen. Ist das rechtens?

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    1. Antwort hier: http://w-wie-wissenschaft-wildau.blogspot.de/2012/08/plagiat-in-ubersetzung.html

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  4. Hallo Herr Professor Althaus!

    Für mich hat sich jetzt leider immer noch nicht klar erschlossen, wie ich denn beispielsweise aus dem Englischen übersetzte Zitate kenntlich machen muss.
    Angenommen ich übersetze "default meaning" in "standardmäßige Bedeutung" - was habe ich dann genau in Klammern dahinter anzugeben?

    Besten Dank!

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    1. Wenn es eine Übersetzung aus einer belegten Quelle ist, dann mit "eigene Übersetzung" ("eig. Übers.") nach der Quellenangabe.

      Das gilt für ganze Zitate, wohlgemerkt. Wenn Sie irgendwo einen Einzelbegriff wie etwa "default meaning" haben, lässt sich das auch anders machen -- wobei bei einem einzelnen Begriff nicht einmal Anführungszeichen unbedingt notwendig sind (anders als etwa bei längeren Textpassagen). Beispiel:

      Smith (2009) nennt die "standardmäßige Bedeutung" ("default meaning") als zentralen Faktor...

      Oder umgekehrt:

      Smith (2009) nennt die "default meaning", also die standardmäßige Bedeutung, als zentralen Faktor...

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  5. Ich bedanke mich ganz herzlich! Die Erläuterung hat mir sehr geholfen.

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  6. Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Althaus, uns hat man in der Einführung in das wiss. Arbeiten gesagt, dass eine Übersetzung niemals so wortgetreu sei, dass sie als direktes Zitat angesehen werden kann, daher sei ein direktes Zitat unzulässig, da die Übersetzung nicht dem Gebot der wortgenauen Übernahme entspricht. Nun habe ich Ihren Artikel hier gelesen und bin verwirrt, was wohl "richtig" ist. Vielen Dank.

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    1. Im Prinzip ist das schon richtig, nur der O-Ton ist authentisch wortgetreu. Darum sollte man auch immer klar angeben, ob es sich um eine Übersetzung handelt. Der Übersetzer hat immer einen Freiraum, und den kann er gut oder schlecht nutzen.
      Wie oben erläutert, kann es legitime sprachlich-redaktionelle Gründe geben, einen Sprach-Mischmasch zu vermeiden. Außerdem: Die Antwort zur oben gestellten Frage bezog sich auf das Übersetzen aus dem Englischen. Während Sie vom akademischen Leser -- Ihrem Prof etwa -- erwarten können, dass er/sie Englisch kann, ist das bei den meisten anderen Sprachen keineswegs so. Klar, ein Romanistik-Prof wird wohl Französisch, Italienisch oder Spanisch lesen können, und ein China-Experte Chinesisch, aber es gibt durchaus die Fälle, in denen die Studentin die Sprache X spricht und ihre Leserin nicht. (Meine Studis jedenfalls sprechen viel mehr Sprachen als ich.) Bei einer Uni-Arbeit klären Sie das Procedere mit dem Betreuer. Ist der Text für ein breiteres Publikum, sind Sie gut beraten, sich für allgemeine Verständlichkeit zu entscheiden. Wie oben ausgeführt, können Sie das originalsprachliche Zitat ja z.B. in eine Fußnote stellen.

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  7. Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Althaus,

    Ihre Ratschläge waren sehr hilfreich, jedoch in meinem speziellen Fall bleiben immer noch eine Frage offen.
    Ich schreibe eine Hausarbeit, in der ich englische Studien ausführlich darstellen muss. Ich werde dies in der deutschen Sprache paraphrasieren. Meine Frage: An welcher Stelle/ welchen Stellen muss ich die Quelle angeben?

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    1. Unabhängig von der Übersetzungsfrage gilt immer die Grundregel: Es soll immer klar erkennbar sein, (a) woher Sie eine Information haben und (b) wo der Gedankengang der Quelle aufhört und Ihr eigener Gedankengang beginnt.
      Wahrscheinlich werden Sie in Ihrer Arbeit den "Studien" ganze Absätze oder sogar Seiten widmen, nicht nur einzelne Sätze. Achten Sie also sorgfältig darauf, dass Ihr Bezug immer deutlich ist. Auf der anderen Seite sollen Sie ja wohl nicht nur diese "Studien" wiedergeben, sondern Ihre eigene Analyse und Deutung einfließen lassen. Das muss auch explizit sein. Achten Sie auf diese Abgrenzung. Das verlangt Sprachgefühl.
      Wenn sich ein ganzer Absatz auf eine einzige Quelle bezieht, dann sollte am Anfang und am Schluss des Absatzes für den Leser völlig klar sein, dass dies so ist. Der Leser sollte nicht raten müssen, ob Sie noch irgendwelche anderen Informationen hinzugefügt haben.
      Sinnvoll ist, bei einem neuen Absatz mit einer neuen Quelle diese sofort namentlich zu nennen und danach alle spezifischen Bezüge mit Seitenzahl der Textstelle. Je spezieller die Aussage ist, desto wichtiger ist der präzise Verweis auch beim Paraphrasieren (Zusammenfassen), damit die Leserin genau diese Aussage ggf. in der Quelle überprüfen kann.
      Beispiel:
      Dem Problem über die Festtage kumulierten Weihnachtsspecks widmet sich Donald J. Trump in seiner Studie "Xmas Makes Us Fat" (2016). Er argumentiert mit Bezug auf Untersuchungen der Weltgesundheitsorganisation, dass Weihnachtsfeiernde fast immer zunehmen. Pro Fest nimmt der Durchschnittsamerikaner 370 Gramm zu (S. 16). Trump arbeitet heraus, dass alle Altersgruppen ab 40 Jahren über die Feiertage im Durchschnitt mindestens zwei Kilogramm zulegen (S. 20). Diesen volksgesundheitlich bedenklichen Trend nennt Trump "the scourge of modern-day holiday celebration", also die Geißel des modernen Festtagsfeierns (S. 22). Allerdings geht der Autor nicht darauf ein, ob und in welcher Weise die Verbraucher ihre überflüssigen Pfunde ab Januar abbauen können. Dies muss als Defizit dieser Studie gesehen werden. Immerhin stellt Trump abschließend fest, dass die kritische Faktenlage heute im allgemeinen Bewusstsein verankert ist und spätestens im Frühjahr breit thematisiert wird (S. 30).

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